Gastbeitrag: Eine vegane Weihnachtsgeschichte

Advent, Advent… Ich freue mich, dass ich den Auftakt zum ersten Kerzenlicht im Dezember machen darf. Zum 2. Dezember möchte ich Euch auf eine Gedankenreise mitnehmen. Wie wäre es, wenn wir eine vegane Weihnachtsgeschichte schreiben könnten? Handelt sie dann noch von Jesus, den drei Heiligen Königen und von der Geburt im Stall?

Ich lasse meinen Gedanken mal freien Lauf.

Es war einmal…

Soll unsere Geschichte tatsächlich so beginnen? Für die Gebrüder Grimm wäre eine vegane Weihnachtsgeschichte wohl kaum vorstellbar. Genauso wenig wie für den biblischen Vorzeigeübersetzer Martin Luther. Wenn dieser wüsste, was ich aus der christlichen Weihnachtsgeschichte machen will, bekäme ich wohl das Tintenfass nach geworfen.

Gehen wir nun miteinander auf eine vegane Weihnachtsreise.

Die Allgemeine Erklärung der Tierrechte

Es ist Weihnachten. Der 24.12.2050. Seit heute ist sie in Kraft: die Allgemeine Erklärung der Tierrechte. Irgendwie kann ich es noch nicht so recht glauben. Wie lange haben wir dafür gekämpft, Streit, Hass, Wortschlachten und Polizeigewalt ertragen. Nichts schien mächtig genug zu sein, um die Konzerne und die Fleischlobby in die Knie zu zwingen.

Doch unter den Veganern machte sich etwas breit. Der Geist Ghandis wurde zum Leben erweckt. Die friedliche Revolution begann die vegane Bewegung wie ein Strohfeuer zu erfassen und einte uns weltweit. Wir boykottierten sämtliche Tierprodukte und weigerten uns, bei Nestlé, Coca-Cola, Mondelez und Co. zu kaufen.

Der Markt brach für die Big Player ein. Wie Ghandi damals gegen die East India Company vorgegangen ist, so haben wir Veganer uns der Gier der modernen Konzerne entgegen gestellt. Unsere Forderung war eigentlich simpel: Die Schließung aller Schlachthäuser und eine schriftliche Erklärung über die Anerkennung ALLER Lebewesen als dem Menschen gleichwertig.

Und nun stehe ich hier am Morgen des 24.12.2050 draußen, richte den Blick gen Himmel und die ersten Schneeflocken des Jahres fallen herab. Wie wird Weihnachten nun gefeiert? Denn auch Bäume stehen unter Schutz. Und Plastikbäume wurden schon vor langer Zeit verbannt…

Tief atme ich die eiskalte Luft ein und schließe dabei die Augen. Letztes Jahr war unweit von hier noch ein Schlachthaus. Ich habe es gehasst, die verzweifelten Rufe der Schweine und Kühe zu hören.

Heute ist es still. Das Gelände ist frei zugänglich und verwaist. Der Metzger, dem es gehört hat, hatte keine andere Wahl, als das Schlachthaus zu schließen. Das ist Teil der Allgemeinen Erklärung der Tierrechte. Was er wohl heute macht? Gerne würde ich ihn aufsuchen und mit ihm reden. Doch ob das möglich ist?

Gedankenversunken führen mich meine Schritte zum Weihnachtsmarkt. Während ich die Gassen und Einkaufspassagen durchquere, fällt mir eines auf: Die Geschäfte haben geschlossen. Ich sehe keine Menschen, die noch hektisch nach Last Minute Weihnachtsgeschenken suchen. Im Gegenteil. Wenn ich Menschen sehe, wirken sie ruhig, teilweise in sich gekehrt. Viele lachen und wirken gelöst. Ich vermute, dass das Veganer sind.

Vegan ist normal

Mit der Allgemeinen Erklärung der Tierrechte wurde vegan als normal anerkannt. Die letzten fleischessenden Menschen dieser Welt haben keine andere Wahl, als Ersatzprodukte zu konsumieren. Wenn sie nicht wegen Mordes angeklagt werden wollen.

Der 24.12. ist nun offiziell ein Feiertag. Wir haben die christliche Weihnachtsgeschichte abgelöst. Ganz unreligiös feiern wir weltweit das Fest des Lebens. Wir töten niemanden mehr, um ihn oder sie zu essen. Denn jedem Tier wurde seine eigene Persönlichkeit und Individualität zu erkannt.

Während ich den Geruch veganer Zimtsterne und Glühwein inhaliere, betrachte ich den Weihnachtsmarkt. Noch erinnert sehr viel an die klassische Weihnachtszeit. Ein verkleideter Mann im roten Ganzkörperanzug mit Rauschebart verteilt Süßigkeiten an die Kinder, Tannen in Blumenkübeln sind mit goldenen Kugeln geschmückt und „Last Christmas“ schallt über Lautsprecher über den Platz.

Gefangen im Zauber dieser Szenerie vergeht die Zeit wie im Flug. Es dämmert bereits und der Markt leert sich. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser und Wohnungen zurück, um gemeinsam zu feiern. Aber was eigentlich? Weihnachten? Oder das Fest des Lebens? Menschen sind Gewohnheitstiere und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie so schnell ihre alten Weihnachtsgewohnheiten ablegen werden…

Das Fest des Lebens

Ich werde Mäuschen spielen und einer Familie einen Besuch abstatten. Familie Müller ist so völlig normal. Bei ihr sehe ich eine geschmückte Tanne im Kübel. Aber keine Geschenke unter dem Baum. Stattdessen sitzen sie alle zusammen am gedeckten Tisch. Es gibt Rohkostsalate, Linsenbraten, Rotkraut, Kartoffelknödel und Soße. Während sie alle beisammen sitzen, lausche ich ihrem Gespräch.

„Ich verstehe es nicht. Warum können wir nicht einfach normales Weihnachten feiern? Was soll das, was die Politiker da gestern unterschrieben haben?“ Die Großmutter runzelt die Stirn, während sie sich ein Stück Linsenbraten in den Mund schiebt. „Und an dieses unfleischige Zeug muss ich mich auch noch gewöhnen…“

„Mutter.“ Herr Müller seufzt. „Du hast die Veränderungen doch auch mitbekommen. Und du weißt, dass wir schon einige Jahre kein Fleisch mehr essen. Bisher hatten wir es nur Dir zu liebe an Weihnachten aufgetischt.“

„Ja, aber…“

„Nein Mutter. Lass uns auch nicht mehr von Weihnachten sprechen. Wir Menschen haben beschlossen, heute das Leben zu feiern. Jedes Leben. Auch das einer Kuh, einer Gans und eines Schweins. Du hast es selbst in den Nachrichten gesehen. Die Allgemeine Erklärung der Tierrechte ist unterzeichnet. Sie gilt. Ab heute.“

Großmutter plustert sich auf. „Ich soll jetzt also Herr Schwein sagen und die Tiere mit Namen anreden? Was soll das nur?“

So ähnlich hatte ich es erwartet. Die ältere Generation hadert mit den Veränderungen, die sie nicht aufhalten kann. Viele haben es jedoch akzeptiert und sich mit den Gründen für das Fest des Lebens beschäftigt. Spätestens als ein Video veröffentlicht wurde, auf dem der letzte Orang Utan für Palmöl gestorben ist, ging eine Welle des Protestes durch die Welt.

Ich bin traurig, dass es erst soweit kommen musste, bis die vegane Welle und die friedliche Revolution dadurch entfacht wurde.

Nachdem Essen geht Familie Müller in ihr Wohnzimmer zum festlich geschmückten Baum. Geschenke gibt es immer noch keine. Zumindest keine Sichtbaren. Tochter, Sohn, Mutter, Vater und sogar die Großmutter setzen sich zusammen um den Baum herum und singen die noch typischen Weihnachtslieder. Danach nehmen sie sich gegenseitig in die Arme und lachen sich an. Niemand verlangt ein materielles Geschenk.

Es liegt eine spürbare Freude über ihrem Beisammen sein in der Luft. Es werden Brettspiele ausgepackt, gelacht und die gemeinsame Zeit genossen.

Gerne würde das Fest des Lebens von Familie Müller noch länger beobachten. Doch es ist Zeit für mich zu gehen.

Wer ich bin? Es schlägt das Herz eines Mahatma Ghandi in mir. Doch Ihr würdet mich wohl eher Mutter Natur nennen. Lange Zeit habe ich im Stillen gelitten. Doch mit dem Aufstieg des Veganismus erwachte ich in immer mehr Menschen. Es hat lange dauert, bis sich der Glaube an meine Existenz durchgesetzt hat.

Homo Sapiens hat lange am Glauben eines Opfer-Gottes festgehalten. Ein Märchen, dass zu Billiarden unschuldigen Toten geführt hat durch alle Spezies hinweg. Ich bin froh, dass dieser Alptraum nun beendet ist. Es wird das Leben gefeiert. Nicht mehr und nicht weniger.

Das war meine vegane Weihnachtsgeschichte für Euch. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen.


Wenn Ihr noch mehr von mir lesen wollt: Ich bin Farah, vegane Mama, Technik-Nerd mit einer tiefen Liebe zum Schreiben. Ich blogge auf Greenfulspirit zu nachhaltigen Themen wie Zero Waste, Minimalismus und ab und zu bekommt Ihr auch ein veganes Rezept von mir. Selbst lebe ich in der Südpfalz mitten auf dem Dorf. Als minimalistische Zero Waste Veganerin bin ich dort ein Alien.

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Ein großes Dankeschön an Farah!

Vielen, lieben Dank für deine tolle Weihnachtsgeschichte – ein passender Beitrag für den Adventskalender!

Alle Fotos des Artikels wurden von Farah von Greenfulspirit für diesen Artikel zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!
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One Comment

  1. […] Doch zeitlich habe ich es nicht realisieren können. Dafür ist am 1. Advent auf dem Blog von Passions & Fruits bei der lieben Ramona ein Advents-Gastbeitrag von mir […]

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